Der Blumensammler

Über das Zusammenspiel von Zeit, Erinnerung und Blumen

Kategorie: Literatur
Tags: David Whitehouse Blumensammler Roman Tropen New York London
von Nadine Kaiser

Im New York der 1980er Jahre entdeckt Peter Manyweather Briefe in einem Buch. Sie führen ihn dabei nicht nur zu exotischen Blumen, sondern verändern alles. Als Dove Jahre später Gedächtnisfetzen von Peter empfängt, verändert sich auch sein Leben.

Alles beginnt mit Professor Cole, der gerade mit seinem Leben abschließt. Seine Tauchkapsel hat einen Stromausfall erlitten, während er in der Tiefsee forscht. Doch bevor das Ende nach ihm greift, kommt ihm das Schicksal zur Hilfe. Aber was hat dieser Tauchgang mit Peter Manyweather zu tun? Wir springen aus dem Heute in die 1980er Jahre zu Peter Manywather, einer Reinigungsfachkraft aus New York. Er ist auf das Aufarbeiten von Wohnungen spezialisiert, in denen verstorbene Menschen längere Zeit unentdeckt herumlagen. Skurrilität und sonderbare Begebenheiten sind für ihn quasi zum Alltag geworden. Doch gibt es immer noch Begebenheiten, die ihn zu überraschen wissen: In einer Wohnung, die er zu säubern hat, entdeckt er im düsteren, verschmutzen und verkrustetem Badezimmer eine Blume, die sich all dem Tod in dieser Umgebung widersetzt und blüht.

Fasziniert von diesem Gewächs, bricht Peter in die New Yorker Bibliothek auf, um mehr zu erfahren und wird erneut überrascht. In einem botanischen Lexikon findet Peter einen alten Liebesbrief, der seine Aufmerksamkeit weckt. Dort ist die Rede von sechs außergewöhnlichen, teils bizarren Blumen, die vom Verfasser als Sinnbild der Liebe zu einer Frau beschrieben werden. Gepackt von der Neugier und Wissensdurst, macht Peter es sich nun zur Aufgabe, diese sechs Blumen selbst zu sehen – und reist dafür um die ganze Welt.

Auch Dove Gale, ein gescheiterter Journalist, der in der Telefonzentrale für Notrufe in London arbeitet, weiß von diesen Briefen, den Blumen und einem Peter Manyweather. Über Migräneattacken prasselt dieses 30 Jahre alte Wissen auf den jungen Mann nieder, der sich die Episoden aus einem fremden Leben in seinem Kopf nicht erklären kann.

Was nun folgt, ist die Geschichte dreier Männer, die nichts und doch fast alles miteinander zu tun haben und jeden von ihnen auf ein Abenteuer schickt, das Erinnerungen verknüpft und ihr Leben verändert.

Auch für Menschen ohne grünen Daumen geeignet

Wie der Buchtitel Der Blumensammler schon naheliegt, spielen Pflanzen eine wichtige Rolle im Verlauf des Romans, sie bestimmen aktiv, passiv und symbolisch das Geschehen im Buch. Dennoch sollte das für weniger blumenaffine Menschen kein Ausschlusskriterium sein; akribische, wissenschaftliche Botanik-Lektionen muss man hier nicht fürchten, denn die langweilen selbst den Hauptakteur Peter Manyweather. Der Autor David Whitehouse hat das Setting in einen Rahmen gebracht, der eine angenehme und durchaus interessante Mitte findet. Außerdem: Im englischen Original heißt das Buch The long forgotten. Der Titel rückt einen im Buch thematisierten Flugzeugabsturz in den Fokus, der in der deutschen Titelwahl zugunsten der Blumenthematik völlig verdrängt wurde.

Generell ist der Roman sehr abwechslungsreich gestaltet, was gerade auch durch die Dreiteilung der Protagonistenstränge begünstigt wird. Dabei sind alle Figuren sympathischen Charaktere, in die man sich hineinversetzen kann. Grummlig und wissensdurstig, einsam und hoffnungsvoll, ambitioniert und auch das genaue Gegenteil – die Facetten von Peter, Dove und Professor Cole könnten unterschiedlicher kaum sein, doch harmonieren sie innerhalb der im Buch geschaffenen Stimmung perfekt. Selbst wenn man Dove manchmal gern einen Klaps auf den Hinterkopf geben würde, damit er sein Leben auf die Reihe bekommt. Oder vor die Tür geht. Oder überhaupt mal wieder etwas tut.

Auch das haben alle drei Teilgeschichten gemein – sie alle beginnen zu dem Zeitpunkt, als ein Stein den Anstoß gibt, etwas zu verändern. Das ist jetzt natürlich sehr kryptisch gesprochen und könnte auf jedes zweite Buch zutreffen, aber alles verraten sollte man in einer Rezension nun auch nicht.

Fazit

Obwohl der Roman von David Whitehouse im Gegensatz zu meinem üblichen Leseinteresse steht, wurde ich von dem Buch nicht enttäuscht – das Gegenteil war eher der Fall. Interessant und flüssig geschrieben, kam zu keiner Zeit Langeweile auf. Auch die episodischen Kapitel, die sich jeweils mit Professor Cole, Peter Manyweather und Dove Gale beschäftigen, bündelten für mich die Spannung, um beispielsweise endlich die komplexen Verflechtungen zu erfahren. Diese drei Geschichten für sich betrachtet, könnten bis zu einem gewissen Grad auch als einzelne Kurzgeschichten fungieren – was deren Zusammenfassung zu einem Gesamtwerk zu einem vielversprechenden Leseausflug macht.

Ganz nebenbei greift man auch Wissen über skurril anmutende Pflanzen ab, wie beispielsweise die schafsfressende Pflanze, die Todesblume oder das lebende Fossil, während Dove in gedanklichen Zeitsprüngen die Erinnerungen bzw. das Leben von Peter eintaucht. In dieser sonst recht nachvollziehbar „normalen“ Romanwelt bringen diese Funken von Erinnerung ein gänzlich neues Element mit in die Geschichte, die ihr Ecken und Kanten verleiht.

Kurzum: ein spannender Ausflug in drei unterschiedliche Lebenswelten, die – geeint vom Wissensdurst – ein Szenario schaffen, das Erwartungen schürt und auch bedient. Etwas exaltiert, durchaus sympathisch verdreht und intelligent mit Elementen versetzt, die das Buch von der Masse abheben. Abseits des Lieblings-Genres kann es auch durchaus gute Bücher geben.


Weitere Informationen:
Nadine Kaiser
Über den Autor

Nadine Kaiser schreibt für Zauberwelten-Online.de.

Artikel: Der Blumensammler
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