Archangel

William Gibsons Schritt ins Comic-Genre

Kategorie: Literatur
Tags: William Gibson Michael St. John Smith Comic Cross Cult Zeitreise Zweiter Weltkrieg
von Andreas Giesbert

William Gibson ist Science-Fiction-Fans wohl zu aller erst durch Neuromancer ein Name. Sein Werk beschränkt sich jedoch bei Weitem nicht auf die mittlerweile etwas in die Jahre gekommene Gründungstrilogie des Cyberpunks, sondern versucht immer mit der Zeit zu gehen. Dabei zeichnen sich Gibsons Arbeiten immer durch einen kritischen und gut informierten Blick auf die Gegenwart aus. Das gilt auch für seinen ersten Gehversuch im Comic-Medium, der nun auch auf Deutsch erhältlich ist.

Das abstrakte Titelbild von Archangel verrät uns auf den ersten Blick kaum, womit wir es im Buch zu tun bekommen. Eine (Atom?)-Bombe aus der Zeit des zweiten Weltkrieges stürzt in ein abstraktes Flammenmeer, während die Rückseite von einer geschichtsträchtigen Mauser-Pistole geziert wird. Damit könnte fast alles möglich sein, von ernster historischer Graphic Novel über ein Endzeitthema, militärischer Kriegserzählung oder einem Agententhriller. Es wäre zu viel gesagt, wenn man behaupten würde, Archangel sei in der Tat all das, aber so ganz verfehlt man den Comic damit auch wieder nicht.

Zwischen Montana und Berlin

Archangel beginnt seine Geschichte 2016 in Montana. Zwei futuristische Flugzeuge nehmen Landung auf eine Quantum-Transfereinrichtung auf Snake Mountain, wo der amtierende Vizepräsident nach einer Gesichtsoperation begutachtet wird. Keine fünf Seiten später findet sich dieser im Berlin des Jahres 1945 wieder, um die Geschicke einer Parallelwelt zu beeinflussen. Dort wiederum befindet sich bereits ein mit modernster Technik ausgerüsteter Marine, der genau das verhindern will. Unvermeidlicher Weise entfaltet sich eine spannende Verfolgungsjagd, die parallel durch die komplizierte Machtkonstellation 1945 und einen Putsch 2016 führt.

Die Handlung ist klar erzählt und lässt sich unbeschwert wie eine Actiongeschichte lesen, die Tragweite der Handlungen und Motivationen der Gruppen entpuppt sich aber bei genauerem Hinsehen als durchaus komplex. Während die ganz konkreten Probleme der Charaktere oft handfest angepackt werden, ist der große Rahmen filigran entworfen und regt zum Nachdenken an. Man merkt, dass Gibson das Konzept von Multiversen ernst nimmt und hier ein Sci-Fi-Altmeister mit Begeisterung für den zweiten Weltkrieg am Werk ist.

Stilistik

Wie bereits erwähnt, ist Archangel Gibsons erster Schritt ins Comic-Genre. Während er sich zusammen mit Michael St. John Smith für die Handlung und Charaktere verantwortlich zeigt, waren gleich fünf erfahrene Zeichner und Coloristen für die Umsetzung verantwortlich. Das Ergebnis ist ein hochwertiger Comic, der die Herausforderungen einer so vielschichtigen Geschichte gelungen meistert. Etwas künstlerischer gehaltene Einleitungsseiten eröffnen die fünf Kapitel, während sich die beiden Zeitepochen durch ihre Farbgebung gut voneinander unterscheiden lassen. Panelübergreifende Szenen und aufwendigere Transparenzeffekte sind gelungen in Szene gesetzt, wenn sie sich anbieten. Der größte Teil der Geschichte ist aber ohne größere Überraschungen gestaltet.

Vergleicht man Archangel mit einem anspruchsvollen Klassiker wie Hellboy, wirkt das Buch wesentlich herkömmlicher. Das gilt auch für die Charaktere und Schauplätze. Die Kombination aus (Retro-)Sci-Fi und Deutschland 1945 ist zwar alles andere als gewöhnlich, wird aber kaum ausgespielt. So kann sich die Charaktergestaltung beispielsweise nur schwer zwischen ernst und historisch entscheiden. Einem durchaus ernsten Schwarzmarktspezialisten Fritz stehen überzeichnete Charaktere wie Bösewicht „Herr Säugling“ oder eine knapp bekleidete Nazikämpferin gegenüber. Dadurch verspielt das Buch die Chancen des historischen Hintergrundes und gibt ein Zerrbild, das zumindest für die meisten „deutschen“ Augen etwas zu sauber und unernst sein dürfte. Nachspiel von Naziterror und alliierter Befreiung sind über weite Strecken einfach nur ein beliebiger Schauplatz für eine Action- und Agententhandlung mit Sci-Fi-Einschlag.

Auch die eigentliche Handlung bleibt davon nicht verschont. Während die Grundidee und der große Rahmen hoch spannend sind, zielt die Abwicklung des Plots primär auf Unterhaltung. Das ist durchaus legitim und gelingt recht gut, häufige Eingriffe von Dei ex machina hinterlassen jedoch einen faden Beigeschmack. Der wird erst auf den letzten Seiten wieder vergessen, wenn der große Plot zusammenkommt und uns Archangel mit einem klugen politischen Statement zurücklässt.

Fazit

Gibsons Schritt ins Comic-Genre ist durchaus gelungen. Rein handwerklich ist der Comic gut anzusehen und liest sich durchweg flüssig. Auch hebt sich die abgeschlossene Handlung von Archangel durch eine anspruchsvolle Multiversumsthematik und ein sympathisches politisches Statement vom Comicallerlei ab. Dennoch wirkt der ganze Band etwas austauschbar. Es ist nicht viel vom hochinnovativen Gibson zu spüren und auch die künstlerische Umsetzung kann das nicht retten. Wem Zeitreise- bzw. Multiversen und der Stil der 40er Jahre zusagen, wird auf seine Kosten kommen, einen zweiten Neuromancer darf man jedoch nicht erwarten. Auch die durchaus überzeugende Rahmenhandlung und pilosophische Ebene von Archangel wird nicht voll ausgeschöpft. Sie kommt erst zur Geltung, wenn man sich wirklich in die Annahmen und Andeutungen der Rahmenhandlung eindenkt. Dafür wären jedoch weite Strecken der actionbetonten Handlung nicht nötig gewesen.

Volles Lob muss hingegen wieder einmal der Präsentation und Ausstattung der deutschen Ausgabe gemacht werden. Die Übersetzung ist flüssig und auch das Bildwerk selbst wie z. B. Türschilder wurden – wo es sinnvoll war – mitübersetzt. Das Nachwort und eine umfangreiche Skizzen- und Bildergalerie sowie die ansprechenden Kapiteltrennungen und das hochwertige Hardcover ergeben ein überzeugendes Gesamtprodukt, das sein Geld wert ist.

Weitere Informationen:
Andreas Giesbert
Über den Autor

Andreas begeistert sich für Rollenspiele, Spielbücher und narrative Brettspiele. In letzter Zeit darf es auch mal ein Ausflug in die düstere Phantastik sein. Sein Profilbild verdankt er Erik R. Andara.

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