Amalthea

Über den Untergang und die Renaissance der Menschheit

Kategorie: Literatur
Tags: Science Fiction Hard Sci-Fi Weltraum Roman Manhatten
von Nadine Kaiser

Als der Mond ohne Vorwarnung explodiert, wird das Überleben der Menschheit ein Wettlauf gegen die Zeit: Bis zum Einsetzen von Jahrtausende andauernden Meteoritenstürmen muss die Internationale Raumstation so ausgebaut werden, dass die verbliebene Menschheit auf ihr 5000 Jahre überleben und schließlich die Erde neu besiedeln kann. 

Mit dem Zerfall des Mondes wendet sich die Menschheit mit einer schier unermüdlichen Inbrunst der Aufgabe zu, den Fortbestand des Lebens zu sichern. Wissenschaft und Politik agieren als Verbündete, um innerhalb von gerade einmal zwei Jahren die Weltraumstation Izzy so vorzubereiten, dass eine Auswahl von geeigneten jungen Menschen aller Länder die nächsten 5000 Jahre auf ihr verbringen kann. Vor kosmischer Strahlung durch den Asteroiden Amalthea geschützt, beginnt im All ein Wettrennen gegen die Zeit, und auch auf der Erde bereiten sich die Menschen auf das Ende vor.  

Als schließlich der Harte Regen beginnt und einen 5000 Jahre andauernden Kometenbefall der Erde einleitet, sind die geretteten Menschen im Weltraum noch lange nicht in Sicherheit. Nicht nur die Versorgung mit Atemluft und Lebensmitteln in der Schwerelosigkeit stellen die Stammbesatzung vor Herausforderungen; auch die Gefahr, durch Trümmerteile getroffen zu werden, bleibt stets bestehen. Aber es sind schließlich die Menschen selbst, die sich und somit der ganzen restlichen Menschheit im Wege stehen. Ein orbitales Geborgenheitsgefühl will sich nicht einstellen und so bringt diese Situation eine Unzufriedenheit, die Rivalitäten, Missgunst und Machtkämpfe unter den letzten Menschen schürt und das Überleben der Spezies an den Rand der Unmöglichkeit treiben.

 
Ein Hard-Sci-Fi-Epos in drei Teilen

Die Geschichte um den Untergang und die Renaissance der Menschheit ist in drei Teile gegliedert. So startet die Geschichte am Tag A + 0.0.0, oder schlicht Null: Der Tag, an dem der Mond explodierte. Zunächst stabilisieren die sieben Schwestern, die größten Überbleibsel des alten Mondes, das Leben auf der Erde wie gewohnt. Doch schnell stellt sich heraus, dass nur etwa zwei Jahre bleiben werden, ehe die Überreste herabstürzen und das Ende der Menschheit besiegeln. Hand in Hand agieren nun die Weltmächte und die Wissenschaft, die mitsamt den Weltreligionen der Bevölkerung ihren Untergang und die Rettung in Form einer Weltraumzivilisation präsentieren. Entgegen einer verständlichen Panik herrscht kein Chaos auf der Erde: Geschäftigkeit, Hilfsbereitschaft und sogar Normalität prägen die letzten Monate. 
Während die Schauplätze zwischen der Erde und dem Weltraum hin- und herwechseln, werden nach und nach die Hauptpersonen eingeführt. So erhält man als Leser die Möglichkeit, sich dank vieler Innensichten der Einzelschicksale mit den Charakteren zu identifizieren, da sie – trotz des nüchternen und beschreibenden Stils – eine mitreißende Geschichte zeichnen. Ob Wissenschaftler, Weltraumtechniker, Präsidentin oder bloße Arbeitskraft: Die zahlreichen Persönlichkeiten sind sowohl vielfältig als auch ganz menschlich entworfen, sodass der Leser in die Story gesogen und zwischendrin stets mit wissenschaftlichen und technischen Informationen versorgt wird.   

Schließlich steigern sich die Probleme im All immens und so beginnt Teil zwei kurz vor dem Start des Harten Regens mit vielen Unruhen, Schwierigkeiten, Konflikten und dem Abschied von der alten Erde. Eine Vielzahl an Menschen, zusammengepfercht auf engstem Raum, heimatlos und demotiviert, dominieren das Geschehen und kreieren so ein sich fortlaufend entwickelndes Szenario, dass sich irgendwo zwischen Utopie und Dystopie bewegt. 

Teil drei hingegen hebt sich in besonderem Maße von den vorigen Abschnitten ab: Die Menschheit – die Spacer – haben eine erfolgreiche, blühende Zivilisation im Weltraum aufgebaut, die, basierend auf den abstammungslinearen Unterschieden der Urmütter, bisweilen in Konkurrenz stehen. Was auf den ersten Blick als inkonsistente Weiterführung der nüchternen ersten beiden Teile erscheinen mag, ist allerdings eine gekonnte Anpassung an die Storyline. Denn der letzte Teil des Space-Epos wirkt im Allgemeinen wie eine futuristische Version des Buches First Contact von Robin Anderson und Bob Connolly. Dort beschreiben sie die Entdeckungen des Forschers Michael Leahy, der 1933 das als unbewohnt geltende Land Papua Neu Guinea und dessen Bewohner kennenlernte und erforschte. Nicht anders ergeht es hier den Menschen um A + 5000, die nun allmählich ihre alte Erde erschließen und erforschen. Denn was sie hier erleben, ist etwas völlig Neues und birgt sowohl Risiken als auch Chancen ... 

Fazit

Für Liebhaber der klassischen Sci-Fi-Geschichten ist Amalthea ein klarer Lese-Genuss und ein Lese-Muss. Denn entgegen den aktuelleren Strömungen in der Science-Fiction, widmet sich Neal Stephenson in Amalthea in besonderem Maße dem wissenschaftlichen Aspekt des Genres: Die ausführlichen und detailverliebten Beschreibungen von Technik, Physik und wissenschaftlichen Vorgängen sind dem Autor sehr Anschaulich gelungen und zeichnen so ein nachvollziehbares, gar realistisches Szenario, das über eine Story weit hinausgeht und ein genaueres Bild der Situation und von den Lebensbedingungen im Weltraum gibt. Eine tiefe Kenntnis der dargelegten Materie ist nicht zwangsläufig vonnöten, doch sollte auf jeden Fall ein grundlegendes Interesse bestehen, da sich ansonsten schnell Langeweile beim Lesen einstellen wird. 

Die erschaffenen Charaktere haben sowohl Tiefe als auch eine wohl konstruierte Persönlichkeit, die sich beim Lesen zu starker Sympathie oder zu großer Antipathie entwickeln kann. Der Roman erlangt dadurch eine erlebnisreiche, bisweilen gefühlsintensive Spannung, die bei mir sogar dazu führte, dass ich u.a. vor Aufgebrachtheit über einen Charakter das Buch erst einmal aus der Hand legen musste. 

Wer sich also von einem „Hard-Sci-Fi“-Roman nicht abgeschreckt, sondern herausgefordert fühlt, der wird mit diesem Buch eine mitreißende Geschichte auf über 1000 Seiten erleben können, in der man mitfiebert, mitfühlt und Teil des Kampfes ums Überleben wird. 


Nadine Kaiser
Über den Autor

Nadine Kaiser schreibt für Zauberwelten-Online.de.

Artikel: Amalthea
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