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Aeon's End

Gemeinsam am Ende der Zeit den Erzfeind besiegen

Kategorie: Brett- und Kartenspiele
Tags: Brettspiel Kartenspiel Solo Fantasy Kooperativ
von Sebastian Pabst (Text)

Die letzten Menschen haben sich unterirdisch in der „Feste der letzten Hoffnung“ verschanzt. Der Höhleneingang wurde zum Einsturz gebracht, um sie vor den Gefahren der Oberfläche zu schützen. Die unbekannte Gefahr, welche als Namenlose bezeichnet wird, möchte aus der Feste das Grab der Menschheit machen. Durch Risse im Gefüge der Zeit attackieren dunkle Wesen, deren Mächtigste als „Erzfeinde“ bekannt sind, die Bastion der Überlebenden. Nur die Rissmagier, die genau aus diesen Rissen starke Zauber, Artefakte und Kristalle formen, können dieses Schicksal Mal für Mal aufhalten, indem sie gemeinsam diesen Wesen die Stirn bieten. Die Zeit für den Untergang der Menschheit ist noch nicht gekommen! Schlüpft in die Rolle genau dieser Rissmagier und kämpft als Team mutig gegen die Gefahr!

Kooperative Spiele auf dem Vormarsch

Dass kooperative Spiele immer stärker im Kommen sind, sollte seit neueren Hits wie Gloomhaven (Feuerland Spiele) und Spirit Island (Pegasus Spiele) allen bekannt sein. Auch bei der Verleihung zum Kennerspiel des Jahres 2020 hat mit Die Crew (Kosmos Verlag) ein kooperatives Stichspiel gewonnen und die deutsche Ausgabe von The 7th Continent (Pegasus Spiele) wird bereits von vielen heiß erwartet. Im Bereich der kooperativen Deckbauspiele, auch "Deck Builder" genannt, gibt es aber noch keinen großen Namen, der sowohl mit Thema als auch Komplexität überzeugen kann. Das klassische Deckbauspiel Dominion (Rio Grande Games) oder das Spiel Star Realms sind in ihrem Grundspiel nicht auf Kooperation fokussiert. Bezüglich der kooperativen Deckbauspiele ist auf dem deutschen Spielemarkt nennenswert: Harry Potter - Kampf um Hogwarts, welches sich aber vom Niveau her an Familienspieler*innen und damit eher an Kinder und Jugendliche richtet und kaum knifflige strategische Tiefe bietet. Diese „Lücke“ sollte nun in diesem Jahr mit Aeon’s End gefüllt werden. Ob dies gelungen ist?

Aeon’s End war eigentlich schon für Anfang Sommer dieses Jahres geplant, hat sich aber immer weiter nach hinten verschoben. Nun endlich ist das Spiel auf Deutsch erschienen, welches bereits seit 2016, also vor knapp vier Jahren, in englischer Sprache erschienen ist und dort bereits unzählige Erweiterungen erhalten hat. Hat sich das Warten auf dieses Spiel gelohnt und was zeichnet es im Vergleich zu den herkömmlichen „Deck Buildern“ aus?

 

                                                  

Spielablauf und Regeln

Jede Spielerin und jeder Spieler wählen einen Charakter, den sie spielen möchten, einen sogenannten "Rissmagier*innen" und baut für sich sein Startdeck und seine Starthand, wie auf dem entsprechenden Spieltableau beschrieben, auf. Anschließend wird der Vorrat aus neun Kartenstapeln gebildet, welche im Laufe des Spiels erworben werden können und dadurch die Decks der Rissmagier*innen gestalten und verbessern. Weiterhin muss ein Erzfeind gewählt werden und dessen Deck, der sogenannte "Erzfeind-Stapel", gebaut werden. Der Spielaufbau kann schnell absolviert werden, da in Aeon’s End Trennkarten bereits inkludiert sind, wodurch man nur noch die passenden Karten aus der Box herausnehmen muss.

Zu Beginn eines Zuges wird eine Reihenfolgenkarte gezogen, die bestimmt, welcher Rissmagier*innen oder der Erzfeind Aktionen durchführen darf. Wird der Erzfeind aktiviert, führt dieser eine mächtige Aktion aus. Entweder beschwört er ein Monster, das dem Heldenteam, solange es nicht besiegt wurde, negative Effekte oder Schaden beschert. Alternativ führt der Erzfeind einen Angriff aus, der sofort ausgeführt wird oder bereitet einen Plan vor, der in naher Zukunft einen katastrophalen Effekt mit sich bringen wird, falls er nicht von den Rissmagier*innen gestoppt wird.

Wird eine Reihenfolgenkarte von einem der Rissmagier*innen gezogen, so darf dieser seine aktiven Zauber auf beliebige Ziele wirken und anschließend neue Zauber vorbereiten und seine Kristalle und Artefakte spielen. Mit den beiden letztgenannten können neue Karten aus dem Vorrat oder Energie für einen einmaligen Spezialeffekt erworben werden. Weiterhin besteht die Möglichkeit, ausliegende Pläne des Erzfeindes zu verhindern und neue Risse zu bündeln oder zu aktivieren, um im weiteren Spielverlauf zusätzliche und verstärkte Zauber wirken zu können.

Nachdem ein Zug der Rissmagier*innen abgeschlossen wurde, werden die verwendeten Handkarten in beliebiger Reihenfolge auf den passenden Ablagestapel gelegt. Auch wenn neue Karten aus dem Deck gezogen werden, dieses aber keine Karten mehr hat, so wird der Ablagestapel einfach umgedreht und als neues Deck platziert. Dadurch kann man bis auf die Karten des Erzfeindes, die mit der Ordnung der eigenen Karten interagieren können, alle zukünftigen Züge vorausplanen. Da die Reihenfolgenkarten das gesamte Spiel über gleich bleiben, kann man, je zahlreicher diese Karten bereits gezogen worden sind, immer besser antizipieren, wer als nächstes aktiviert wird und sich darauf vorbereiten. Es werden solange Spielzüge durchgeführt, bis entweder die Lebenspunkte des Erzfeindes oder die der Rissmagier*innen oder aber der Feste der letzten Hoffnung die Zahl Null erreichen.

Ein Licht in der Dunkelheit

Bereits in diesem Grundspiel sind vier Erzfeinde inkludiert, die jeweils auf andere Weise versuchen, die Menschheit in den Abgrund zu stürzen. So verursacht die "Hassgeburt" enorm viel Schaden durch ihre mächtigen Schläge, die "Carapax-Königin" überschwemmt die Rissmagier*innen mit ihren kleinen "Leerlingen", der "König der Masken" korrumpiert die Rissmagier*innen, welche der dunklen Versuchung erliegen sollen und "der Unersättliche" frisst den Vorrat der Spielerinnen und Spieler auf. Obwohl jeder Erzfeind neues Spielmaterial und Regeln mit sich bringt, kommen trotzdem keine Verständnisfragen auf. Nicht nur die Namenlosen haben diverse Möglichkeiten für den Kampf. Denn durch die acht unterschiedlichen spielbaren Charaktere und etlichen Karten, aus denen sie den Vorrat erstellen können, haben auch die Personen am Tisch ein breites Arsenal an Auswahl, wie sie die Feste der letzten Hoffnung verteidigen möchten. Die Integration neuen Spielmaterials gestaltet sich als einfach. Neue Spielelemente werden kurz durchgelesen und danach kann sofort mit neuen Herausforderungen auf ein Neues losgelegt werden.   

Aeon’s End kann mit 1-4 Personen gespielt werden. Abhängig von der Spieler*innenanzahl spielt sich das Spiel unterschiedlich, aber gleich anspruchsvoll, unabhängig davon, wie viele Rissmagier*innen sich an der Spielesession beteiligen.


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Gemeinsam gegen die dunklen Mächte

Nach Erklärung des einfachen Spielprinzip, welches durch die Spielregeln präzise und sehr verständlich dargestellt wird, und den vielen Möglichkeiten, Spielzüge bereits im Voraus zu planen, könnte der Eindruck aufkommen, dass das Spiel schnell langweilig oder repetitiv werden könnte. Doch durch nur wenig Veränderung im Spielsetting schafft es Aeon’s End schnell, deutliche Unterschiede spürbar zu machen. Damit ist das Spiel jedes Mal aufs Neue spannend, da es diverse Möglichkeiten gibt, die Schwierigkeit anzupassen. Jeder der Erzfeinde verfügt über eine erhöhte Schwierigkeitsstufe, deren Meisterung bereits deutlich mehr Spielerfahrung und Verständigung innerhalb der Spieler*innengruppe erfordert. Selbst Partien, die man schon sicher glaubt, gewonnen zu haben, werden durch ungünstige Karten des Erzfeindes erneut schwierig, besonders wenn dieser zwei Mal oder öfter hintereinander aktiviert wird.

Aeon’s End bietet über das reine Spielen hinaus eine thematisch eigenständige Welt. Diese wird insbesondere durch "Flavor-Texte" auf den Karten hervorgehoben und die Charaktere und Bosse besitzen auf der Rückseite ihrer Tableaus eine Hintergrundgeschichte. Die Spiele-Welt für dieses kooperative "Deck-Builder" ist dadurch auch für die kommenden Jahre, mit zu erwartenden Erweiterungen, gut gerüstet.

Wer trotz der vielen Charaktere, Erzfeinde und Karten nicht genug haben kann, der muss nicht warten, denn Pegasus Spiele hat bereits die ersten beiden Erweiterungen zum gleichen Zeitpunkt veröffentlicht. Aus den Tiefen und Das Namenlose liefern neue Erzfeinde mit originellen Fähigkeiten, die für zusätzliche Abwechslung und Herausforderung sorgen. Doch auch die Gruppe der Rissmagier*innen wird durch weitere spielbare Charaktere erweitert, welche mit einer Handvoll mächtiger Zauber, Kristalle und Artefakte ausgerüstet sind. Dadurch sollten neue Chancen und Vorteile in der Schlacht gegen das Namenlose zur Verfügung stehen.

Positiv:
  • Innovativer Spielmechanismus, das Deck nicht zu mischen, bietet kreative strategische Möglichkeiten
  • Die Erzfeinde unterscheiden sich sowohl thematisch als auch spielerisch stark voneinander
  • Gelungene Skalierung für unterschiedliche Spieler*innenanzahl und Schwierigkeit
  • Einfacher Einstieg für neue Spieler*innen und einfache Integration neuer Spielelemente
  • Hoher Wiederspielfaktor durch viele Charaktere, Bosse und Karten
  • Spielebox dient auch als Organizer mit Trennkarten, dadurch schneller Spielaufbau
Negativ:
  • Spielmaterial wurde im Vergleich zur englischen Erstausgabe des Spiels merkbar überarbeitet, dennoch hätte ein „Mehr“ an Überarbeitung das Spiel noch hochwertiger machen können
  • Zeichenstil ist Geschmacksache und wirkt ein wenig veraltet
Weitere Informationen:
SP
Über den Autor (Text)

Sebastian Pabst schreibt für Zauberwelten-Online.de.

Artikel: Aeon's End
Das Produkt wurde kostenlos für die Besprechung zur Verfügung gestellt.
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