5 /5

Die 13 Gezeichneten

Magie, Pulverdampf und Rebellion

Kategorie: Literatur
Tags: Fantasy Judith Vogt Christian Vogt Bastei Lübbe Das Geheimnis der Zeichen Roman
von Elea Brandt

Fantasy und Schießpulver sind ein No Go – zumindest war das lange vorherrschende Meinung. Zum Glück beweisen uns Judith und Christian Vogt mit ihrem Trilogie-Auftakt Die 13 Gezeichneten das Gegenteil und legen zudem eindrucksvoll dar, dass sich Fantasy und Gesellschaftskritik keinesfalls ausschließen müssen.

Schon das stimmungsvolle Cover lässt erahnen, in welche Gefilde der Roman seine Leser*innen entführt, nämlich in die altehrwürdige Handwerkerstadt Sygna. Seit Jahrhunderten hüten die dortigen Meister das Geheimnis ihrer Handwerkszeichen, die den Machwerken aus Sygna besondere Kräfte verleihen, und unter strengen Auflagen von Meister an Schüler weitergegeben werden. Doch die Zeiten haben sich geändert, und die Besatzer, die die Stadt in erbarmungslosem Griff halten, gieren nach dem Geheimnis der Zeichen. Nur eine Handvoll Rebellen, so scheint es, wollen sich mit diesem Zustand nicht zufrieden geben und planen den Aufstand gegen die Unterdrücker, während sich tief unter der Stadt viel ältere Kräfte zu regen beginnen. Kräfte, die aus gutem Grund vergessen und in den Katakomben unter Sygna versiegelt wurden.

Pulverdampf statt Waffenklirren

Sygna bietet ein erfrischend neues, anderes und hervorragend ausgearbeitetes Setting, das am ehesten mit der Zeit der frühen Industrialisierung und der napoleonischen Kriege zu vergleichen ist. Die 13 Gezeichneten sind also keine Geschichte aus einem Pseudo-Fantasy-Mittelalter, sondern stellen eine überaus gelungene Mischung aus Mantel-und-Degen- und Gunpowder-Fantasy dar. Letztere hat vor allem durch die Powder Mage-Chroniken von Brian McClellan internationale Bekanntheit erlangt, dank der 13 Gezeichneten ist das Genre jetzt auch in Deutschland angekommen.

Der Fokus der 13 Gezeichneten liegt nicht auf epischen Helden oder großen Kriegen gegen finstere Mächte, auch nicht auf Intrigen zwischen den Großen und Mächtigen, sondern auf dem sozialen Gefüge innerhalb der Stadt Sygna, auf den individuellen Kämpfen der Charaktere (mit sich und anderen) und auf dem Konflikt zwischen Tradition und Fortschritt, der sich als Grundmotiv durch den gesamten Roman zieht.

Die Stadt selbst und ihre Eigenheiten sind toll ausgearbeitet und bis ins Detail durchdacht. Es macht wirklich große Freude, Sygna, ihre Vergangenheit und ihre besonderen Orte zu erkunden und kennenzulernen. Die wunderschön gestaltete Karte im Inneren des Romans rundet das Ganze noch ab. Am Anfang gab es für meinen Geschmack ein paar zu viele Informationsblöcke, aber sobald man in Sygna und der Geschichte angekommen ist, will man gar nicht mehr gehen, ohne nicht jedes Geheimnis ergründet zu haben. Legenden, Geschichte, Sozialstruktur, Städtebau – alles fließt gekonnt in das Setting ein und ergibt ein stimmiges Gesamtbild.

Jede*r kann zum Helden werden

Die Figuren sind ein ganz großer Pluspunkt dieser Geschichte. Man merkt, dass Judith und Christian als langjährige Rollenspieler*innen viel Erfahrung in der Ausgestaltung ihrer Charaktere besitzen und hervorragend in der Lage sind, deren individuelle Eigenheiten in die Geschichte einzubringen. Jeder Charakter – egal, auf welcher Seite er steht – ist authentisch, greifbar und auf ihre*seine eigene Art sympathisch. Da ist Dawyd, ein selbstverliebter Fechter, der sich mit seiner großen Klappe oft selbst im Wege steht. Ismayl, ein schüchterner Dichter, der nicht ahnt, welche Macht seine Worte entfesseln können. Oder Kilianna, Salonrebellin und Tochter aus gutem Hause, die genug davon hat, als Frau nur ein Prestigeobjekt zu sein. Und natürlich Lysandre Rufin, Comissaire der Geheimpolizei im Dienst der Besatzer, der den Sygnaer Rebellen ein mehr als würdiger Gegenspieler ist.

Von Anfang an entsteht der Eindruck, sich in einem Gefüge realer Menschen zu bewegen und nicht mit reinen Abziehbildern konfrontiert zu sein. Die Figuren haben Ecken und Kanten, Schwächen und Stärken und sind in ein stimmiges soziales Netz eingebettet, was in der Fantasy oft fehlt. Außerdem gelingt es den beiden Autor*innen hervorragend, die Stärken und Kompetenzen jedes einzelnen Charakters im Rahmen der Geschichte herauszustellen. Nicht die Kämpfer*innen allein sind es, die am Ende über das Schicksal der Rebellion entscheiden, sondern auch die Rhetoriker*innen, Geheimniskrämer*innen, Diplomat*innen und Handwerker*innen. Es sind die Ausgestoßenen, die Unterdrückten, die einfachen Menschen, die sich gegen ihre Besatzer auflehnen, keine großen Adelshäuser oder epischen Streitkräfte. Auch das findet man in der Fantasy viel zu selten.

Kurzum: Auf jeder Seite dieses Buches hatte ich das Gefühl, mich mit alten Freunden zu treffen. Und jetzt, wo ich es aus der Hand gelegt habe, fehlen sie mir schon. Abgesehen davon gelingt es Judith und Christian Vogt über ihre Charaktere spielerisch, bedeutsame Themen einzubauen, über die es sich nachzudenken lohnt, sei es soziale Gerechtigkeit, Gleichstellung der Geschlechter oder die Frage, ob oder wie viel Gewalt notwendig ist, um Veränderung zu erreichen.

Spannendes Katz-und-Maus-Spiel

Der Plot beginnt zuerst eher gemächlich, steigert aber im Laufe der Geschichte rasch das Tempo und wartet immer wieder mit neuen Überraschungen und Wendungen auf. Wann immer man seine Held*innen in Sicherheit wähnt, kommt es zu einem neuen Schlagabtausch, ohne dass die Handlung dadurch überladen wirken würde. Durch die dynamischen Wechsel und verschiedenen Perspektivträger*innen entsteht ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Rebell*innen und ihren Gegenspieler*innen, bei dem man sich nie so ganz sicher ist, wer gerade die Nase vorne hat und wer am Ende noch ein Ass aus dem Ärmel ziehen wird. Neben der Rollenspielerfahrung merkt man dem Autor*innen-Duo auch die jahrelange Erfahrung in Kampf- und Fechtsport an, denn gerade die Kampfszenen sind dynamisch, glaubwürdig und realistisch beschrieben, ohne dabei zu technisch zu werden.

Spätestens im letzten Drittel wird es so spannend, dass ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen wollte. Also, plant ein bisschen Zeit ein. Das Ende wirkt zwar rund, deutet aber bereits den Nachfolgeband an, der im April 2019 bei Bastei Lübbe erschienen ist. Die Geschichte Sygnas und seiner Rebellion geht also nahtlos weiter.

Experiment geglückt

Die 13 Gezeichneten ist ein wendungsreicher und klug konstruierter Fantasyroman in einem spannenden, innovativen Setting, das durch Detailtiefe überzeugt. Die Charaktere sind allesamt hervorragend gezeichnet und so plastisch, dass man jede*n unweigerlich ins Herz schließen muss – selbst den Antagonisten. Die Autor*innen beweisen, dass Fantasy auch ohne mächtige Adelshäuser und epische Feldschlachten auskommt und dass ihre Stärke ebenso in sozialen Konflikten und dem Kampf der einfachen Menschen gegen ihre Unterdrückung bestehen kann. Und dieser Beweis ist obendrein noch wahnsinnig unterhaltsam.


5 /5

Hervorragender Auftakt, der Lust auf mehr macht

Mit Die 13 Gezeichneten wagen sich Judith & Christian Vogt in ein neues Subgenre der Fantasy vor und verbinden auf innovative und stimmige Weise magische Elemente mit Schießpulver und Industrialisierung. Der Roman besticht durch seine hervorragend ausgearbeiteten, vielfältigen Charaktere, das detaillreiche Setting und einen gut konstruierten Plot, der stets neue Wendungen bereithält. Ein vielversprechender Trilogie-Auftakt, der Lust auf mehr macht.

Positiv:
  • innovatives Setting mit vielen neuen Ideen
  • vielschichtige Charaktere, deren individuelle Stärken und Schwächen klug in Szene gesetzt sind
  • wendungsreiche Handlung
  • gesellschaftsrelevante Themen werden geschickt eingewoben und regen zum Nachdenken an
  • plotrelevante Tanzszene
Negativ:
  • gerade zu Beginn etwas beschreibungslastig
  • offenes Ende (also Band 2 am besten gleich bereit legen)
Elea Brandt
Über den Autor

Elea Brandt ist Geek, Rollenspiel-Fan und Vollblut-Phantastin mit einem Hang zu ambivalenten Figuren und düsteren Settings. Sie liest und schreibt am liebsten Low Fantasy, Horror und Dystopien und verfasst gelegentlich Rezensionen und Reviews für Zauberwelten-Online.

Artikel: Die 13 Gezeichneten
Dieser Artikel ist erschienen bei:

Kommentare

Artikel mit gleichen Tags

Queer*Welten - Ein Magazin für eine bunte Phantastik
Literatur
Tags: Magazin Queer Fantasy Science-Fiction Kurzgeschichten Annette Juretzki Lena Richter Jasper Nicolaisen Anna Zabini James Mendez Hodes

Mit den "Queer*Welten" wollen die Herausgeber*innen das Spektrum der Phantastik vierteljährlich um ein paar kräftige Farben erweitern.

Final Fantasy VII  - Altes Spiel in neuem Glanz
Games
Tags: Final Fantasy Square Enix PS4

Als im Jahr 1997 das Rollenspielmeisterwerk Final Fantasy VII (FF7) für die Playstation erschien, war es für viele Europäer nicht nur das erste offizielle Final-Fantasy-Spiel, sondern vor allem spektakulär

The Ancient Magus‘ Bride  - Sommernachtstraum trifft „Die Schöne und das Biest“
Filme
Tags: The Ancient Magus' Bride Attack on Titan Fantasy-Anime-Serie Wit Studio

Die Fantasy-Anime-Serie "The Ancient Magus‘ Bride" zur gleichnamigen Manga-Serie von Kore Yamazaki präsentiert den Zuschauern eine märchenhafte Welt voller Magie, Fabelwesen und dunkler Geheimnisse.

Aces in Space - Interview mit den Autor*innen
Pen & Paper
Tags: Interview Rollenspiel Fate Kickstarter Judith Vogt Christian Vogt Science Fiction Harald Eckmüller

In dem innovativen Erzähl-Rollenspiel verkörpern wir eine Raumfahrt-Gang jenseits althergebrachter Klischees und mit Social-Media-Fame im Hinterkopf.

Roll Inclusive - Interview mit den Herausgeber*innen
Literatur Pen & Paper
Tags: Diversity Rollenspiel Interview Sachbuch Judith Vogt Frank Reiss Aşkın-Hayat Doğan

Im Interview stellen die Herausgeber des „Roll Inclusive“-Projekts ihren Essayband vor und diskutieren die Bedeutung von Diversität und Repräsentation für das Rollenspiel.

Adventskalender 2018 - Es schneit Geschenke!
Intern
Tags: Adventskalender Gewinnspiel Aurélia Beaupommier Carl Wilckens Christina Scull Christina Löw Edgar Comes Elea Brandt Gabe Hudson J.R.R. Tolkien Judith Vogt Leann Porter Theresa Carle-Sanders Theresa Hannig Wayne G. Hammond MFC Festival

Auch dieses Jahr haben wir einen prall gefüllten Adventskalender voller Fantasy-Besonderheiten für euch!

The Electric State - Ein illustrierter Roman
Literatur
Tags: Simon Stålenhag Electric State Tales from the Loop Illustrierter Roman FISCHER Tor

In der großartig bebilderten und ebenso packenden Geschichte begleiten wir einen Teenie mit robotischer Begleitung durch eine düstere Vision der 90er Jahre.

Tales from the Loop -  Ein illustrierter Roman
Literatur
Tags: Simon Stålenhag Tales from the Loop Illustrierter Roman FISCHER Tor

In der retrofuturistischen Erzählung steht ganz die faszinierende Welt um den "Loop" herum im Mittelpunkt. Die einzigartige Verbindung von Text und Bild zieht uns ganz in den Bann eines Schwedens, das es so nie gab.

Akhmal - Der Aufbruch
Literatur
Tags: Fantasy Roman Helen Hero Low-Fantasy

Mit Akhmal – Der Aufbruch beleuchtete Hilga Höfkens unter dem Pseudonym Helen Hero das Zusammenleben der Menschen mit dem felinen Volk der Akhmal. Eine buntgemischte Reisegruppe rund um die menschliche Herrscherin im Exil stellt sich der gewaltigen Aufgabe, einen Krieg zwischen den beiden Spezies zu verhindern.

Weitere Artikel

Queer*Welten - Ein Magazin für eine bunte Phantastik
Literatur

Mit den "Queer*Welten" wollen die Herausgeber*innen das Spektrum der Phantastik vierteljährlich um ein paar kräftige Farben erweitern.

4.5 /5

Adventure Games - Ein Abenteuer entfaltet sich … bist du dabei?
Brett- und Kartenspiele

Hast du schon immer mal wissen wollen, welche Abenteuer es zu erleben gibt, wenn man in einem Verlies ohne Erinnerungen erwacht? Welch ein Thriller entsteht, wenn man in einem Forschungsgebäude auf der Suche nach einer mysteriösen Formel ist oder welche Folgen es haben kann, wenn man als Studierende einen Ausflug auf eine Vulkaninsel startet? Jede Entscheidung zählt!

Familie Groll - „Das Witcher-Setting zieht uns natürlich am meisten an“
LARP

Als Familie Groll widmen sich einige LARP-Fans dem Witcher Universum und bespielen das Kaiserreich Nilfgaard mit einem ungewöhnlich friedlichem Ansatz.